Menschenopfer


Menschenopfer
Mẹn|schen|op|fer 〈n. 13
1. Tötung von Menschen aus kultischen Gründen
2. Opfer an Menschenleben (z. B. bei einem Unglück)
● \Menschenopfer darbringen; \Menschenopfer sind bei diesem Unglück nicht zu beklagen

* * *

Mẹn|schen|op|fer, das:
1. Opferung von Menschen (als kultische Handlung, als Opfergabe).
2. Opfer an Menschenleben (durch Unfall, Krieg o. Ä.):
M. waren nicht zu beklagen.

* * *

Menschen|opfer,
 
die sakrale Tötung von Menschen; in der Religionsgeschichte vielfach belegter, mit unterschiedlichen Begründungen beziehungsweise Erwartungen vollzogener kultischer Akt; wurde im Laufe der religionsgeschichtlichen Entwicklung häufig durch das tierische Ersatzopfer abgelöst (z. B. Isaaks Opferung durch Abraham). Oft hatten Menschenopfer den Sinn, die Willensäußerungen der Gottheit(en) zu beeinflussen, beziehungsweise dienten sie einer Machtübermittlung an Naturobjekte und die sie personifizierenden Gottheiten: So sollte das mexikanische Herzopfer in erster Linie die Kraft der Sonne mehren, das Menschenopfer bei den Azteken den Ertrag des Ackerbaus gewährleisten und die kosmische Ordnung aufrechterhalten. Generell soll im Menschenopfer die Stärke des Geopferten durch Anthropophagie (»Menschenfresserei« [Kannibalismus]) auf die Kultteilnehmer übertragen werden. Der Machtgedanke bestimmt auch den rituellen Königsmord: Verliert der alternde Herrscher seine Kraft, so wird er entweder getötet oder er vollzieht selbst das Königsopfer. Dies kann auch den Sinn einer Übertragung des Herrschercharismas auf Geschlecht und Volk haben, so bei der rituellen Tötung des ungarischen Fürsten Almos (9. Jahrhundert). Das Sühneopfer dient der Tilgung einer Schuld, die, wie beim babylonischen Neujahrsfest, stellvertretend für das gesamte Volk auf einen menschlichen »Sündenbock« übertragen wurde. Weit verbreitet war die Sitte der Bauopfer. Der Abwehr drohender Gefahren galt das Selbstopfer römischer Truppenführer. Die römischen Gladiatorenkämpfe tradierten die Riten des etruskischen Totenopfers, eines Zweikampfes, nach dessen Beendigung eine Gestalt in der Maske des Totengottes die Leichen der Gefallenen vom Schauplatz schaffte. Zum Totenkult gehören auch die Totenbegleitopfer (z. B. Gefolgebestattungen in den Königsgräbern in Ur, im frühdynastischen Ägypten, bei nordeurasiatischen Steppenvölkern, Normannen und in Amerika). Hierzu zählt auch die indische Witwenverbrennung (Sati). Freiwillig folgten japanische Ritter ihrem Lehnsherrn in den Tod, indem sie Seppuku verübten. - Bei den Azteken des alten Mexiko, die dem Menschenopfer große Bedeutung beimaßen, waren die Formen seines Vollzugs am stärksten differenziert; man kannte das Herzopfer, das Brandopfer, das Kampf- und Pfeilopfer sowie das Menschenschinden (Abziehen der Haut des lebenden Opfers) und das Ertränken von Kindern (u. a. als Opfer an den Regengott bei Dürre). - Als Menschenopfer vorgeschichtlicher Zeit in Europa sind gedeutet worden: Kopf- und Schädeldeponierungen aus dem Mittel- und Jungpaläolithikum (mittlere und jüngere Steinzeit; Monte Circeo, Mas d'Azil, Ofnet), jungpaläolitische Schädelbecher (abgetrennte Schädelkapseln aus Castillo), jungsteinzeitliche Funde aus der Jungfernhöhle (Landkreis Bamberg) und bronzezeitliche Skelettreste aus Höhlen im Kyffhäuser. Menschenopfer sind v. a. seit der Jungsteinzeit belegt.
 
 
E. Mogk: Die M. bei den Germanen (1909);
 F. Schwenn: Die M. bei den Griechen u. Römern (1915, Nachdr. 1966);
 J. Maringer: M. im Bestattungsbrauch Alteuropas (Freiburg 1943);
 G. Hogg: Cannibalism and human sacrifice (Neuausg. New York 1966);
 K. Helfrich: M. u. Tötungsrituale im Kult der Maya (1973);
 W. Krickeberg: Altmexikan. Kulturen (14. Tsd. 1979);
 N. Davies: Opfertod u. M. (a. d. Engl., Neuausg. 1983).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Aztekenreich, seine Vorgänger und Nachbarn: Pyramiden und Menschenopfer
 

* * *

Mẹn|schen|op|fer, das: 1. Opferung von Menschen (als kultische Handlung, als Opfergabe): M. darbringen. 2. Opfer an Menschenleben (durch Unfall, Krieg o. Ä.): M. waren nicht zu beklagen.

Universal-Lexikon. 2012.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Menschenopfer — sind Opferungen von Menschen, meist im Rahmen einer Religion oder einer anderweitigen Ideologie. Rituelle Tötungen sind schon in prähistorischer Zeit dokumentiert und kommen in alten Kulturen vor, wobei ihr Sinn verschieden begründet wurde: Sie… …   Deutsch Wikipedia

  • Menschenopfer — Menschenopfer, s.u. Opfer …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Menschenopfer — Menschenopfer, bei allen Rassen und vielen Völkern auf niederer, aber auch höherer Kulturstufe nachweisbare Sitte, bei bestimmten Gelegenheiten lebende Menschen als Opfer darzubringen. Aus Grabfunden hat man die Sitte als im vorgeschichtlichen… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Menschenopfer — Mẹn·schen·op·fer das; 1 jemand, der (z.B. bei einem Unfall oder einem Attentat) stirbt: Der Unfall hat drei Menschenopfer gefordert 2 das Töten von Menschen aus religiösen Gründen <einem Gott ein Menschenopfer darbringen> …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Menschenopfer — das Menschenopfer, (Oberstufe) Verluste an Menschenleben bei einer Katastrophe o. Ä. Beispiel: Der Tsunami an der Küste Sumatras hat 170 000 Menschenopfer gefordert …   Extremes Deutsch

  • Menschenopfer — Mẹn|schen|op|fer …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Aztekenreich, seine Vorgänger und Nachbarn: Pyramiden und Menschenopfer —   1975 wurden bei Cacaxtla im mexikanischen Gliedstaat Puebla sensationell gut erhaltene Wandfresken entdeckt, die seitdem die Aufmerksamkeit von Historikern auf sich ziehen: Beinahe lebensgroße Kombattanten stehen sich in einem 22 m langen… …   Universal-Lexikon

  • Nordgermanische Religion — Als Nordgermanische Religion wird die Gesamtheit von Kulten und diesen zugrunde liegenden religiösen Vorstellungen verstanden, die in vorchristlicher Zeit im skandinavischen Raum verbreitet waren. Inhaltsverzeichnis 1 Hintergrund 2 Vorwikingische …   Deutsch Wikipedia

  • Antisuyo — Inka Terrassen bei Pisac Die alte Inka Festung Machu Picchu Als Inka wird heute eine indigene …   Deutsch Wikipedia

  • Antisuyu — Inka Terrassen bei Pisac Die alte Inka Festung Machu Picchu Als Inka wird heute eine indigene …   Deutsch Wikipedia